Unternehmen kaufen oder gründen? Vor-/Nachteile

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5. Mai 2026

Ein Unternehmenskauf bringt sofort Umsatz, Kundschaft und eingespielte Prozesse, verlangt dafür aber ein höheres Startkapital und die Übernahme bestehender Strukturen. Eine Neugründung kostet zu Beginn deutlich weniger, braucht dafür oft zwei bis vier Jahre, bis sie profitabel ist – wer die Entscheidung durchrechnen will, findet die Grundlagen dazu auch in unserem Ratgeber zum Unternehmenskauf.

Unternehmenskauf vs. Neugründung: Die Grundfrage

Wer den Schritt in die Selbstständigkeit plant, steht meist vor genau dieser Weichenstellung: eine bestehende Firma mit Kundenstamm, Personal und Marktposition übernehmen – oder bei null anfangen und alles selbst aufbauen. Beide Wege führen zum gleichen Ziel, unterscheiden sich aber fundamental in Tempo, Risiko und Kapitalbedarf.

In der Schweiz verstärkt sich diese Entscheidung derzeit durch die demografische Realität: Laut Schätzungen von Branchenverbänden suchen jährlich mehrere Tausend KMU-Inhaberinnen und -Inhaber eine Nachfolgelösung, weil sie das Rentenalter erreichen und keine familieninterne Lösung haben. Dieses Angebot an verkaufsreifen Betrieben – von der Schreinerei in Uri bis zum IT-Dienstleister in Zug – schafft für Käuferinnen und Käufer eine reale Alternative zur Neugründung. Wer sich näher mit diesem Marktumfeld befassen will, findet vertiefende Informationen in unserem Beitrag zur KMU-Nachfolgeregelung in der Schweiz.

Die Grundfrage lautet also nicht "Kaufen oder Gründen ist besser?", sondern: Welches Risikoprofil, welches Kapital und welcher Zeithorizont passen zu meiner persönlichen Situation? Ein Ingenieur mit einer patentierten Erfindung wird kaum eine bestehende Bäckerei kaufen wollen. Eine erfahrene Betriebsleiterin ohne eigenes Produktkonzept wird selten eine Firma bei null aufbauen wollen, wenn sie stattdessen einen laufenden Betrieb mit stabilem Kundenstamm übernehmen kann.

Vor- und Nachteile im direkten Vergleich

Die folgende Tabelle stellt die zentralen Entscheidungskriterien gegenüber. Sie basiert auf typischen Werten aus Schweizer KMU-Transaktionen und Neugründungen im Gewerbe- und Dienstleistungssektor.

KriteriumUnternehmenskaufNeugründung
StartkapitalMeist CHF 300'000 bis CHF 2'000'000, je nach Branche und GrösseMeist CHF 20'000 bis CHF 150'000 für Gründung und Anlaufphase
Zeit bis zum ersten ErtragSofort, da Umsatz und Kunden bereits vorhanden sindTypischerweise 1,5 bis 4 Jahre bis zur Kostendeckung
RisikoKalkulierbar, aber Gefahr versteckter Altlasten (Garantien, Verträge, Personal)Hoch, da Markt, Produkt und Nachfrage noch unbewiesen sind
KundenstammBereits vorhanden, inklusive Reputation und WiederkaufrateMuss von Grund auf aufgebaut werden
MitarbeitendeWerden mit Arbeitsverträgen gemäss Art. 333 OR übernommenMüssen neu rekrutiert und eingearbeitet werden
Finanzierung durch BankenEinfacher, da Cashflow und Bilanzhistorie vorliegenSchwieriger, oft nur mit Eigenkapital oder Fördermitteln
GestaltungsfreiheitEingeschränkt durch bestehende Strukturen, Marke und KulturVollständig frei in Ausrichtung, Standort und Angebot
PreisverhandlungKaufpreis basiert auf Unternehmensbewertung, verhandelbarEntfällt, da kein Kaufpreis anfällt
Administrativer Aufwand zu BeginnDue Diligence, Kaufvertrag, ggf. Übernahme von VerträgenHandelsregistereintrag, Bewilligungen, Aufbau der Buchhaltung
WachstumsspielraumMeist inkrementell, gebunden an bestehendes GeschäftsmodellTheoretisch unbegrenzt, aber unsicherer im Erfolgsfall

Für wen eignet sich ein Unternehmenskauf?

Ein Unternehmenskauf ist die richtige Wahl, wenn Sie über Branchenerfahrung verfügen, aber keine eigene Geschäftsidee entwickeln möchten oder wollen sofort Umsatz erwirtschaften und nicht erst jahrelang Aufbauarbeit leisten. Typische Kandidatinnen und Kandidaten sind:

  • Führungskräfte, die aus einem Angestelltenverhältnis in die Selbstständigkeit wechseln und Wert auf ein kalkulierbares Risiko legen.
  • Personen mit Eigenkapital oder Zugang zu Bankfinanzierung, die eine Rendite auf bestehende Substanz suchen statt auf ein unbewiesenes Konzept zu setzen.
  • Unternehmerinnen und Unternehmer, die bereits eine Firma führen und durch Zukauf eines zweiten Betriebs wachsen wollen (Buy-and-Build-Strategie).
  • Nachfolgerinnen und Nachfolger innerhalb der Familie oder aus dem Kader, die einen bestehenden Betrieb fortführen möchten.

Wichtig: Ein Kauf ist kein Selbstläufer. Wer sich für diesen Weg entscheidet, sollte den gesamten Ablauf kennen – von der Zielsuche über die Bewertung bis zum Vertragsabschluss. Eine strukturierte Übersicht dazu bietet unser Beitrag Unternehmer werden in 5 Schritten, der den Kaufprozess im Detail beschreibt.

Für wen eignet sich eine Neugründung?

Eine Neugründung passt zu Personen, die eine eigene, oft innovative Geschäftsidee umsetzen wollen, für die es am Markt noch kein vergleichbares Angebot gibt. Sie eignet sich insbesondere für:

  • Gründerinnen und Gründer mit einem digitalen Produkt, einer Nischen-Dienstleistung oder einem Geschäftsmodell, das sich nicht 1:1 kaufen lässt.
  • Personen, die volle Kontrolle über Marke, Unternehmenskultur und strategische Ausrichtung wollen, ohne Altlasten aus früheren Entscheidungen.
  • Selbstständige mit geringem Startkapital, die bewusst klein und risikoarm beginnen (z. B. im Homeoffice oder als Einzelunternehmen) und organisch wachsen.
  • Fachpersonen, deren Wert vor allem in ihrer eigenen Dienstleistung liegt (Beratung, Coaching, Handwerk auf Auftragsbasis), wo ein Kaufobjekt kaum verfügbar oder sinnvoll wäre.

Der grösste Nachteil der Neugründung ist die Zeit bis zur Wirtschaftlichkeit: Viele Neugründungen in der Schweiz benötigen zwei bis drei Jahre, bis sie das Gründerinnen- oder Gründer-Gehalt vollständig aus dem eigenen Cashflow decken können. Wer diesen Zeitraum finanziell nicht überbrücken kann, sollte den Unternehmenskauf ernsthaft prüfen.

Beispiel: Elektroinstallationsbetrieb im Kanton Aargau

Herr Meier, 42, gelernter Elektroinstallateur mit eidgenössischem Fachausweis, arbeitet seit 15 Jahren als Betriebsleiter bei einem mittelgrossen Installationsunternehmen in Aarau. Er möchte sich selbstständig machen und prüft beide Optionen.

Szenario A – Unternehmenskauf: Ein bestehender Elektroinstallationsbetrieb mit 8 Mitarbeitenden, einem Jahresumsatz von CHF 2'100'000 und einem nachhaltigen EBITDA von CHF 210'000 steht zum Verkauf. Nach Bewertung mit der Praktikermethode ergibt sich ein Kaufpreis von CHF 850'000. Herr Meier bringt CHF 250'000 Eigenkapital ein, die restlichen CHF 600'000 finanziert er über ein Bankdarlehen und ein Verkäuferdarlehen. Ab dem ersten Monat erwirtschaftet der Betrieb Umsatz, die bestehenden Kundenverträge (u. a. mit zwei Bauunternehmen und einer Gemeinde) laufen weiter. Der Kredit ist bei stabilem Geschäftsgang innerhalb von 6 bis 8 Jahren amortisiert.

Szenario B – Neugründung: Herr Meier gründet stattdessen eine eigene Einzelfirma. Startkapital: CHF 45'000 für Fahrzeug, Werkzeug, Erstmaterial und Marketing. Im ersten Jahr erzielt er als Einzelkämpfer einen Umsatz von rund CHF 140'000, wovon nach Abzug aller Kosten kaum ein existenzsicherndes Einkommen bleibt. Erst im dritten Jahr, nach dem Aufbau eines eigenen Kundenstamms und der Einstellung eines ersten Mitarbeiters, erreicht der Betrieb einen Umsatz von CHF 480'000 und wird nachhaltig profitabel.

Das Beispiel zeigt: Der Kauf verlangt deutlich mehr Kapital und ein höheres Anfangsrisiko in der Finanzierung, liefert aber ab Tag eins Umsatz und Substanz im Wert von CHF 850'000. Die Neugründung ist mit CHF 45'000 kapitalschonend, verlangt dafür drei bis vier Jahre Geduld und ein finanzielles Polster für die Übergangszeit.

Häufige Fehler bei der Entscheidung

In der Beratungspraxis wiederholen sich bestimmte Fehleinschätzungen immer wieder:

  • Den Kaufpreis nicht mit einer eigenen Bewertung gegenprüfen. Wer den vom Verkäufer genannten Preis ungeprüft übernimmt, zahlt häufig zu viel. Eine unabhängige Unternehmensbewertung gehört vor jedem Kaufentscheid dazu.
  • Die Integrationsphase nach dem Kauf unterschätzen. Ein gekaufter Betrieb bringt eine eigene Kultur, eigene Gewohnheiten und teils langjährige Mitarbeitende mit – Widerstand gegen Veränderungen ist normal und muss aktiv gemanagt werden.
  • Bei der Neugründung das eigene Liquiditätspolster zu knapp kalkulieren. Wer nur die ersten sechs Monate finanziell absichert, aber tatsächlich zwei bis drei Jahre bis zur Profitabilität braucht, gerät in eine gefährliche Finanzierungslücke.
  • Emotionale statt betriebswirtschaftliche Entscheidungen treffen. Die Begeisterung für eine eigene Idee oder die Bequemlichkeit eines bestehenden Betriebs dürfen die Zahlen nicht überstimmen.
  • Due-Diligence-Prüfungen beim Kauf oberflächlich durchführen. Verträge, Garantien, Altlasten und Personalverpflichtungen müssen vor Vertragsunterzeichnung vollständig geprüft werden, nicht erst danach.

Wann brauche ich professionelle Unterstützung?

Sobald ein konkretes Kaufobjekt oder ein Businessplan für eine Neugründung mit relevantem Kapitalbedarf vorliegt, lohnt sich eine unabhängige Fachberatung. Bei einem Unternehmenskauf betrifft das insbesondere die Unternehmensbewertung, die steuerliche Strukturierung und die Vertragsgestaltung – Bereiche, in denen Fehler schnell fünfstellige Beträge kosten können. Wie sich die Kosten einer solchen Beratung in der Schweiz zusammensetzen, zeigt unser Beitrag zu den Kosten von M&A-Beratern in der Schweiz.

Bei der Neugründung hilft eine externe Einschätzung vor allem bei der realistischen Finanzplanung und der Wahl der richtigen Rechtsform. In beiden Fällen gilt: Eine neutrale, zahlenbasierte Zweitmeinung verhindert teure Fehlentscheidungen. Vereinbaren Sie dazu unverbindlich ein Erstgespräch mit unserem Team oder lassen Sie ein konkretes Kaufobjekt über unser Bewertungstool objektiv einschätzen.

Aktualisiert am 26. August 2026 · Autor: Schweizer Nachfolge Experten AG

FAQ: Unternehmenskauf vs. Neugründung

Was ist günstiger: ein Unternehmen kaufen oder neu gründen?
Eine Neugründung ist beim Startkapital fast immer günstiger – oft schon ab CHF 20'000 bis CHF 50'000 möglich. Ein Unternehmenskauf verlangt je nach Branche und Grösse zwischen CHF 300'000 und mehreren Millionen Franken, liefert dafür aber ab dem ersten Tag Umsatz und Substanz. "Günstiger" hängt also davon ab, ob man das Startkapital oder die Zeit bis zur Profitabilität als Massstab nimmt.
Wie lange dauert es, bis eine Neugründung Gewinn abwirft?
In der Praxis benötigen die meisten Neugründungen in der Schweiz zwischen 18 Monaten und vier Jahren, bis sie ein existenzsicherndes Einkommen erwirtschaften. Die genaue Dauer hängt stark von Branche, Kapitalausstattung und Marktbearbeitung ab.
Welche Risiken bestehen beim Unternehmenskauf?
Die grössten Risiken sind ein zu hoher Kaufpreis, unentdeckte Altlasten (z. B. Rückstellungen, laufende Rechtsstreitigkeiten, veraltete Anlagen) sowie der Verlust von Schlüsselkunden oder Mitarbeitenden nach dem Eigentümerwechsel. Eine sorgfältige Due Diligence reduziert diese Risiken erheblich.
Kann ich einen Unternehmenskauf vollständig fremdfinanzieren?
In der Regel nicht. Schweizer Banken verlangen üblicherweise 20 bis 40 Prozent Eigenkapitalanteil am Kaufpreis. Der Rest wird häufig über ein Bankdarlehen und ein Verkäuferdarlehen (Vendor Loan) finanziert, bei dem der bisherige Inhaber einen Teil des Kaufpreises stundet.
Was ist "Goodwill" beim Unternehmenskauf und wie wird er bewertet?
Goodwill bezeichnet den Wert eines Unternehmens, der über die reine Substanz (Anlagen, Vorräte, liquide Mittel) hinausgeht – etwa Kundenbeziehungen, Marke und eingespielte Prozesse. Er wird meist über Ertragswert- oder Praktikermethoden ermittelt und macht bei gut laufenden KMU oft einen erheblichen Teil des Kaufpreises aus.
Lohnt sich eine Neugründung trotz höherem Risiko?
Ja, wenn ein tragfähiges Geschäftsmodell, ausreichend Liquiditätsreserve für die Anlaufphase und echte Differenzierung zum bestehenden Angebot vorhanden sind. Ohne diese drei Faktoren ist das Risiko eines Scheiterns deutlich höher als bei einer gut geprüften Übernahme.

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