Den Firmenwert eines Schweizer KMU berechnen Sie in sechs klar definierten Schritten: Zahlen sammeln, EBITDA bzw. EBIT normalisieren, passende Methode wählen, Berechnung durchführen, Nettoverschuldung berücksichtigen und das Ergebnis plausibilisieren. Diese Anleitung führt Sie anhand von zwei vollständig durchgerechneten Beispielen – einer Schreinerei und einem IT-Dienstleister – konkret durch jeden dieser Schritte.
Wer zunächst wissen möchte, welche Bewertungsmethoden es überhaupt gibt und wann welche zum Einsatz kommt, findet einen kompakten Überblick über Ertragswert-, Substanzwert-, Praktiker- und Multiple-Verfahren in unserem Grundlagenartikel Firmenwert berechnen in der Schweiz: Methoden & Tipps. Der vorliegende Artikel setzt dieses Grundwissen voraus und konzentriert sich ausschliesslich auf die praktische Durchführung.
Die 6 Schritte zur Firmenwertberechnung im Überblick
| Schritt | Was passiert | Typisches Ergebnis |
|---|---|---|
| 1. Zahlen sammeln | Jahresrechnungen, Bilanz, Verträge und Kennzahlen der letzten 3 Jahre zusammentragen | Vollständige Datenbasis |
| 2. EBITDA/EBIT normalisieren | Einmalige, private und nicht betriebliche Posten herausrechnen | Nachhaltiger Ertrag |
| 3. Methode wählen | Ertragswert-, Praktiker- oder Multiple-Methode je nach Branche und Grösse festlegen | Passendes Rechenmodell |
| 4. Berechnung durchführen | Normalisierten Ertrag mit Kapitalisierungssatz oder Branchenmultiple verrechnen | Unternehmensgesamtwert (Enterprise Value) |
| 5. Nettoverschuldung berücksichtigen | Finanzverbindlichkeiten abziehen, liquide Mittel hinzurechnen | Eigenkapitalwert (Equity Value) |
| 6. Plausibilisieren | Ergebnis mit einer zweiten Methode und Branchenvergleichen gegenprüfen | Belastbare Wertbandbreite |
Schritt 1: Zahlen sammeln
Bevor gerechnet wird, brauchen Sie eine vollständige Datenbasis: die Jahresrechnungen (Bilanz und Erfolgsrechnung) der letzten drei Geschäftsjahre, eine aktuelle Zwischenbilanz, eine Übersicht über Finanzverbindlichkeiten und liquide Mittel per Stichtag sowie Verträge, die den Ertrag beeinflussen (Miet-, Leasing- und Kundenverträge). Fehlen Zahlen aus einem der drei Jahre, lässt sich der nachhaltige Ertrag im nächsten Schritt kaum sauber ableiten – Schätzungen an dieser Stelle verzerren das gesamte Ergebnis.
Konkret sollten folgende Unterlagen bereitliegen, bevor Sie mit Schritt 2 beginnen:
- Erfolgsrechnung und Bilanz der letzten drei abgeschlossenen Geschäftsjahre, inklusive Anhang.
- Eine aktuelle Zwischenrechnung, wenn seit dem letzten Abschluss mehr als sechs Monate vergangen sind.
- Ein Verzeichnis aller Finanzverbindlichkeiten mit Zinssätzen, Laufzeiten und Amortisationsplänen.
- Eine Aufstellung der liquiden Mittel und kurzfristigen Finanzanlagen per Bewertungsstichtag.
- Angaben zum Unternehmerlohn: effektiv bezogenes Salär, Sozialleistungen und geldwerte Nebenleistungen.
- Eine kurze Liste ausserordentlicher Ereignisse der letzten drei Jahre (Rechtsstreitigkeiten, Umbauten, Personalwechsel), die die Zahlen beeinflusst haben könnten.
Je vollständiger diese Grundlage, desto weniger Annahmen sind in den folgenden Schritten nötig – und desto belastbarer wird das Endergebnis.
Schritt 2: EBITDA bzw. EBIT normalisieren
Die reine Buchhaltungszahl bildet selten den tatsächlichen wirtschaftlichen Ertrag ab, weil viele KMU-Jahresrechnungen private und einmalige Posten enthalten. Normalisieren heisst: Der ausgewiesene EBITDA oder EBIT wird um folgende Punkte korrigiert:
- Einmalige Kosten (Rechtsstreitigkeiten, Umzüge, Sonderabschreibungen) werden addiert.
- Privat veranlasste Kosten (Geschäftsfahrzeuge mit hohem Privatanteil, familiennahe Nebenleistungen) werden addiert.
- Ein zu tief angesetzter Unternehmerlohn wird auf ein marktübliches Niveau angehoben und damit vom Ertrag abgezogen – arbeitet der Inhaber operativ mit, muss dieser Lohn als Kostenfaktor eingerechnet werden.
- Ein zu hoch angesetzter Unternehmerlohn wird umgekehrt wieder addiert.
Erst der so bereinigte, nachhaltige Ertrag dient als Grundlage für die eigentliche Berechnung.
Schritt 3: Bewertungsmethode wählen
Die Wahl der Methode hängt von Branche, Grösse und Datenverfügbarkeit ab. Für kleinere, stark inhaberabhängige Betriebe eignet sich häufig die Ertragswert- oder Praktikermethode, weil sie den nachhaltigen Ertrag nach Unternehmerlohn direkt kapitalisiert. Für grössere, gut vergleichbare Branchen wie IT-Dienstleistungen oder Gewerbe mit etablierten Branchenkennzahlen bietet sich die Multiple-Methode an, bei der der normalisierte EBIT mit einem Branchenmultiplikator verrechnet wird – eine Übersicht gängiger Multiplikatoren finden Sie in unserer EBIT-Multiples-Tabelle für Schweizer KMU. Wann Ertragswert- und Substanzwertverfahren jeweils den Ausschlag geben, erklärt der Artikel Ertragswert vs. Substanzwert: Was wann zählt. Die beiden folgenden Beispiele zeigen je eine dieser Methoden im Detail.
Schritt 4: Berechnung durchführen
Bei der Ertragswertmethode wird der nachhaltige, normalisierte Reingewinn durch einen risikoadjustierten Kapitalisierungssatz geteilt. Bei der Multiple-Methode wird der normalisierte EBIT mit dem branchenüblichen Multiplikator multipliziert. Beide Rechnungen liefern zunächst den Unternehmensgesamtwert, auch Enterprise Value genannt – noch ohne Berücksichtigung der Finanzierungsstruktur.
Der Kapitalisierungszinssatz für die Ertragswertmethode setzt sich üblicherweise aus mehreren Komponenten zusammen: einem Basiszinssatz für risikoarme Anlagen, einem allgemeinen Unternehmerrisikozuschlag sowie individuellen Zuschlägen für Grösse, Kundenkonzentration, Inhaberabhängigkeit und Branchenrisiko des konkreten Betriebs. Je kleiner und abhängiger ein Unternehmen von einer einzelnen Person oder wenigen Kunden ist, desto höher fällt dieser Satz aus – und desto tiefer wird entsprechend der Ertragswert. Bei der Multiple-Methode übernimmt diese Funktion der Branchenmultiplikator: Er ist für grössere, breiter abgestützte Unternehmen tendenziell höher als für kleine, stark inhaberabhängige Betriebe derselben Branche.
Schritt 5: Nettoverschuldung berücksichtigen
Der Enterprise Value ist unabhängig davon, wie ein Unternehmen finanziert ist. Um daraus den Wert des Eigenkapitals (Equity Value) zu ermitteln – also den Betrag, der wirtschaftlich den Inhabern zusteht –, wird die Nettoverschuldung abgezogen: Finanzverbindlichkeiten (Bankdarlehen, Hypotheken auf Betriebsliegenschaften, Leasingverbindlichkeiten) abzüglich liquider Mittel und kurzfristiger Finanzanlagen. Verfügt ein Unternehmen über mehr liquide Mittel als Schulden (Nettoliquidität), erhöht dieser Überschuss den Eigenkapitalwert entsprechend.
Schritt 6: Ergebnis plausibilisieren
Ein einzelner Rechenwert ist nie der ganze Befund. Plausibilisieren Sie das Ergebnis, indem Sie eine zweite Methode gegenrechnen (z. B. Ertragswert gegen Multiple-Methode) und die resultierende Bandbreite mit tatsächlich beobachteten Branchenkennzahlen abgleichen. Weichen die Werte stark voneinander ab, liegt das meist an unrealistischen Annahmen beim Kapitalisierungssatz, an einem falsch gewählten Multiplikator oder an unvollständiger Normalisierung in Schritt 2. Typische Fehlerquellen bei diesem Schritt sind auch in unserem Artikel Typische Fehler bei der Firmenbewertung zusammengefasst.
Beispiel 1: Schreinerei im Kanton Bern (Ertragswertmethode)
Ausgangslage
Eine inhabergeführte Schreinerei im Kanton Bern erzielt einen Jahresumsatz von CHF 1'800'000 bei einem ausgewiesenen EBITDA von CHF 220'000. Der Inhaber arbeitet vollzeitlich im Betrieb mit und bezieht einen Lohn von CHF 60'000 pro Jahr.
Normalisierung (Schritt 2)
| Position | Betrag |
|---|---|
| Ausgewiesenes EBITDA | CHF 220'000 |
| + Einmalige Prozesskosten (Rechtsstreit mit Lieferant) | + CHF 18'000 |
| + Privatanteil Geschäftsfahrzeug des Inhabers | + CHF 12'000 |
| - Korrektur Unternehmerlohn auf Marktniveau (CHF 95'000 statt CHF 60'000) | - CHF 35'000 |
| Normalisiertes EBITDA | CHF 215'000 |
Nach Abzug von Abschreibungen (CHF 45'000) und einer kalkulatorischen Steuerbelastung ergibt sich ein nachhaltiger, ausschüttbarer Reingewinn von CHF 150'000.
Berechnung (Schritt 4)
Für einen kleinen, stark inhaberabhängigen Handwerksbetrieb wird ein Kapitalisierungszinssatz von 12% angesetzt, der das erhöhte Risiko der Inhaberabhängigkeit und der begrenzten Betriebsgrösse widerspiegelt:
Ertragswert = CHF 150'000 ÷ 0.12 = CHF 1'250'000
Nettoverschuldung (Schritt 5)
Die Bilanz weist Bankdarlehen von CHF 180'000 und liquide Mittel von CHF 30'000 aus. Die Nettoverschuldung beträgt somit CHF 150'000.
Eigenkapitalwert = CHF 1'250'000 − CHF 150'000 = CHF 1'100'000
Plausibilisierung (Schritt 6)
Zur Gegenprüfung wird ergänzend die Praktikermethode gerechnet (Substanzwert plus zweifacher Ertragswert, gedrittelt) – ausführlich erklärt in unserem Artikel Praktikermethode Schweiz einfach erklärt. Liegt das Ergebnis in ähnlicher Grössenordnung wie CHF 1.0–1.2 Mio., gilt der Ertragswert von CHF 1'100'000 als plausibel.
Beispiel 2: IT-Dienstleister im Kanton Zürich (EBIT-Multiple-Methode)
Ausgangslage
Ein IT-Dienstleistungsunternehmen mit Sitz im Kanton Zürich erwirtschaftet einen Umsatz von CHF 3'200'000 und ein ausgewiesenes EBIT von CHF 480'000. Das Unternehmen beschäftigt 18 Mitarbeitende und ist nicht ausschliesslich vom Inhaber abhängig.
Normalisierung (Schritt 2)
| Position | Betrag |
|---|---|
| Ausgewiesenes EBIT | CHF 480'000 |
| + Einmalige Kosten Büroumzug | + CHF 25'000 |
| - Korrektur Unternehmerlohn auf Marktniveau | - CHF 20'000 |
| Normalisiertes EBIT | CHF 485'000 |
Berechnung (Schritt 4)
Für IT-Dienstleister mit wiederkehrenden Kundenbeziehungen wird gemäss unserer EBIT-Multiples-Tabelle ein branchenüblicher Multiplikator von 5.5x angesetzt:
Enterprise Value = CHF 485'000 × 5.5 = CHF 2'667'500
Nettoverschuldung (Schritt 5)
Das Unternehmen weist Finanzverbindlichkeiten von CHF 200'000 und liquide Mittel von CHF 350'000 aus. Es besteht somit eine Nettoliquidität von CHF 150'000 (mehr Cash als Schulden), was den Eigenkapitalwert erhöht:
Eigenkapitalwert = CHF 2'667'500 + CHF 150'000 = CHF 2'817'500
Plausibilisierung (Schritt 6)
Eine ergänzende Ertragswertrechnung mit einem für IT-Dienstleister passenden Kapitalisierungszinssatz führt zu einem ähnlichen Ergebnisband um CHF 2.6–2.9 Mio., was den mit der Multiple-Methode ermittelten Wert von CHF 2'817'500 bestätigt.
Sensitivität: Wie stark verändert der Multiplikator das Ergebnis?
Da der Multiplikator einen grossen Hebel auf das Resultat hat, lohnt sich ein kurzer Vergleich mit benachbarten Werten aus der Bandbreite der Branchenmultiples:
| Multiplikator | Enterprise Value | Eigenkapitalwert (nach Nettoliquidität) |
|---|---|---|
| 5.0x | CHF 2'425'000 | CHF 2'575'000 |
| 5.5x (Basisannahme) | CHF 2'667'500 | CHF 2'817'500 |
| 6.0x | CHF 2'910'000 | CHF 3'060'000 |
Dieser Vergleich zeigt: Bereits eine Verschiebung von 0.5x im Multiplikator verändert den Eigenkapitalwert um mehrere Hunderttausend Franken. Genau deshalb ist Schritt 6 – die Plausibilisierung mit einer zweiten Methode – kein optionaler Zusatzschritt, sondern fester Bestandteil einer sauberen Firmenwertberechnung.
Typische Fehler bei der praktischen Berechnung
- Der Unternehmerlohn wird nicht oder falsch korrigiert, wodurch der Ertrag systematisch zu hoch oder zu tief ausfällt.
- Einmalige Sondereffekte (Corona-Nachwirkungen, Rechtsstreitigkeiten, Sonderabschreibungen) bleiben unbereinigt im EBITDA/EBIT stehen.
- Ein Branchenmultiple wird ohne Grössen- und Risikoabschlag für ein kleines, inhaberabhängiges KMU übernommen.
- Die Nettoverschuldung wird vergessen, sodass Enterprise Value und Eigenkapitalwert verwechselt werden.
- Es wird nur eine Methode gerechnet und nicht plausibilisiert.
Eine ausführliche Liste weiterer Stolperfallen finden Sie im Artikel Typische Fehler bei der Firmenbewertung.
Was Sie mit dem berechneten Firmenwert als Nächstes tun sollten
Ein sauber berechneter Firmenwert ist ein Zwischenergebnis, kein Endpunkt. Je nach Anlass sind die nächsten Schritte unterschiedlich:
- Nachfolgeplanung: Der Wert dient als Basis für Gespräche mit familieninternen oder externen Nachfolgern sowie für die steuerliche und güterrechtliche Planung.
- Unternehmensverkauf: Der Wert bildet die Ausgangslage für die Preisvorstellung, die im Verkaufsprozess mit potenziellen Käufern verhandelt wird.
- Kapitalbeschaffung: Banken und Investoren verlangen häufig eine nachvollziehbare, methodisch sauber hergeleitete Bewertung als Teil des Kreditantrags oder Beteiligungsgesprächs.
- Interne Steuerung: Ein regelmässig aktualisierter Firmenwert zeigt auf, wie sich strategische Entscheide (Investitionen, Personalaufbau, neue Geschäftsfelder) langfristig auf den Unternehmenswert auswirken.
In allen vier Fällen gilt: Je nachvollziehbarer die Herleitung – vollständige Datenbasis, transparente Normalisierung, sauber begründete Methode und Plausibilisierung –, desto tragfähiger ist der Wert in Verhandlungen und gegenüber Dritten.
Häufige Fragen zur Firmenwertberechnung
- Wie lange dauert es, den Firmenwert eines KMU zu berechnen?
- Für eine erste Indikation mit der Praktiker- oder Ertragswertmethode genügen erfahrenen Fachleuten oft ein bis zwei Tage, sofern die Jahresrechnungen der letzten drei Jahre vollständig vorliegen. Eine vertiefte Bewertung mit mehreren Methoden und sorgfältiger Plausibilisierung nimmt üblicherweise ein bis zwei Wochen in Anspruch.
- Kann ich den Firmenwert auch ohne externe Hilfe selbst berechnen?
- Für eine grobe Einschätzung reicht die in dieser Anleitung beschriebene Vorgehensweise aus. Für eine verkaufsfähige, verhandlungssichere Bewertung empfiehlt sich jedoch die Prüfung durch M&A-Spezialisten, da Normalisierungen und Multiplikatoren erheblichen Einfluss auf das Ergebnis haben.
- Welche Methode passt am besten zu einem inhabergeführten KMU?
- Bei kleineren, stark inhaberabhängigen Betrieben liefert die Ertragswert- oder Praktikermethode oft realistischere Werte, da sie den nachhaltigen Ertrag nach einem marktüblichen Unternehmerlohn abbildet. Einen vollständigen Methodenvergleich finden Sie in unserem Grundlagenartikel zu Firmenwert-Methoden.
- Was ist der Unterschied zwischen dem berechneten Firmenwert und dem späteren Verkaufspreis?
- Der berechnete Firmenwert ist eine rechnerische Grössenordnung auf Basis von Zahlen und Methode. Der tatsächliche Verkaufspreis wird zusätzlich von Verhandlung, Käuferstrategie, Marktlage und Deal-Struktur beeinflusst und kann vom rechnerischen Wert nach oben oder unten abweichen.
- Wie wirkt sich die Nettoverschuldung auf den Firmenwert aus?
- Die meisten Methoden liefern zunächst einen Unternehmensgesamtwert (Enterprise Value). Um den Wert des Eigenkapitals zu erhalten, wird die Nettoverschuldung – Finanzverbindlichkeiten abzüglich liquider Mittel – abgezogen; bei einem Nettoliquiditätsüberschuss erhöht sich der Eigenkapitalwert entsprechend.
Firmenwert professionell ermitteln lassen
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